Klassik unter Regenschirmen
Erstmals im Schlosspark Gaußig eine "Nacht der Klassik" zu erleben, das lassen sich hart gesottene Open-Air-Fans nicht entgehen. Sie stehen am Freitagabend unter Regenschirmen in der Warteschlange des Kasseneingangs und denken sich den Nieselregen einfach weg. Dass er allerdings aufhört, bleibt ein Wunschtraum.
Erste Gäste sitzen wettergemäß verpackt auf Bestplätzen, träumen von lauer Sommernacht und nehmen dankbar die Begrüßung und Hoffnung auf ein schönes Konzerterlebnis "in Gottes freier Natur" entgegen. Über 150 junge Sängerinnen und Sänger sowie Musiker sind dank Europera und ArtKontor auf Sommertournee. Unter Leitung von Milos Krejci musizieren herausragend begabte Jugendliche aus Polen, Tschechien und Deutschland gemeinsam, präsentieren live, was sie in Beethovens Chorfantasie singen. Allein ihre Bühnenpräsenz mit den reichlichen Männerstimmen und dem Solistenquartett beeindruckt.
Mit der 1807 in Eisenstadt uraufgeführte C-Dur-Messe op. 86 von Ludwig van Beethoven bieten sie geistliche Musik der Erhabenheit und Größe. Stimmungen wie Kyrie oder Gloria, die Bildhaftigkeit auslösen wollen, sind Ernst und Klassikjubel, Ergriffenheit und instrumentaler Glanz. Das Solistenquartett lotet Feinheiten bemerkenswert qualitätsvoll aus, so im verhaltenen Sanctus, wo ein fugenhaft wirkendes Amen bewegt und im Benedictus, wo lyrische Solokoloraturen faszinieren. Das friedvolle Agnus Dei, der dramatische "Ossana"-Chor berühren. Klug geführter Orchesterklang erfüllt den Schlosspark. Innigkeit und Pathos beseelen das bewegende "Dona nobis pacem"-Finale. Herzlich flattert ein erstes Bravo zu den jungen Künstlern auf der Bühne.
"Wir kommen wieder"
Sympathisch wendet sich nach Pausenberatung Milos Krejci an die Gäste, spricht von der Unverträglichkeit der wertvollen Instrumente mit der hohen Luftfeuchtigkeit. Er verkündet den um die beiden Chopin-Polonaisen gekürzten zweiten Teil mit der versprochenen Überraschung. Zunächst erklingt der reizvolle Schlussteil der Fantasie c-Moll op. 80 für Klavier, Chor und Orchester (Uraufführung 1808) von Beethoven in der sensiblen Textfassung von Johannes R. Becher. Er wird mit dem virtuosen Klavierpart zu packenden Freudenhymnus auf Geist, Kraft und Kunst. Bravoovationen erfreuen die engagierten Künstler, die mit der bravourösen "Candide"-Ouvertüre von Leonard Bernstein danken. Ihr zur Seite entfaltet sich ein musikbezogenes Feuerwerk, das den ArtKontor-Mitarbeitern alle Ehre macht und den Gästen einen Sternenglanzhimmel mit Glitzerfontänen, Fantasiewölkchen und knatternd schönen Wunderblumen zaubert. Dankesblumen gibt es und Milos Krejci's Versprechen: Wir kommen ja nächstes Jahr wieder.
sz.bautzen@dd-v.de
Crista Vogel
Sächsische Zeitung
